Freitag, 16:58 Uhr. Eine neue Preisliste soll am Montag gelten. Im ERP ist sie eingespielt, das PDF für Händler liegt im Downloadbereich, zwei Produktbilder fehlen und ein Vertriebspartner hat noch einen alten Warenkorb geöffnet. In diesem Moment zeigt sich, ob ein Händlerportal ein verlässlicher Vertriebskanal ist oder nur eine Website mit Anmeldung
Preis ist ein Ergebnis
Im Händlergeschäft steht selten ein einziger Preis am Produkt. Kundengruppe, Land, Währung, Staffel, Vertrag, Aktionszeitraum und Steuerkontext können denselben Artikel verändern. Das Portal sollte den Preis deshalb aus nachvollziehbaren Regeln beziehen und den Zeitpunkt der Berechnung festhalten. Ein kopierter Wert ohne Herkunft wird spätestens bei einer Reklamation zum Problem
Für offene Warenkörbe braucht es eine bewusste Regel. Bleibt der alte Preis für eine Frist gültig, wird neu gerechnet oder muss der Händler bestätigen? Alle drei Varianten können richtig sein. Falsch ist nur, wenn das Verhalten zufällig von Cache oder Synchronisationszeit abhängt
Verfügbarkeit braucht eine Sprache
„Auf Lager“ wirkt eindeutig, kann aber Hauptlager, Regionallager, reservierte Ware oder einen veralteten nächtlichen Import meinen. Händler benötigen meist eine belastbare Lieferaussage: sofort verfügbar, voraussichtlich ab Datum, auf Anfrage oder nicht bestellbar. Bei geringen Beständen kann eine Bandbreite sinnvoller sein als eine exakte Zahl, die sich während der Bestellung bereits ändert
Die Reservierung muss atomar erfolgen. Zwei Händler dürfen nicht beide die letzte Einheit bestätigt bekommen. Technisch heißt das: Verfügbarkeitsanzeige und Bestellannahme werden getrennt gedacht. Die Anzeige informiert, erst die Annahme entscheidet
Produktdaten sind kein Medienordner
Ein Händler benötigt Bilder, Maße, Sicherheitsangaben, Ersatzteile, Übersetzungen und manchmal regulatorische Dokumente. Diese Daten haben Versionen, Märkte und Gültigkeit. Ein Produktinformationssystem kann die führende Quelle sein; das Portal muss Änderungen trotzdem verständlich ausspielen
Ein sauberer Änderungsfeed beantwortet drei Fragen: Was hat sich geändert? Seit wann gilt es? Muss der Händler etwas tun? Eine Meldung wie „Daten aktualisiert“ reicht nicht, wenn dadurch ein Datenblatt ausgetauscht oder ein Angebot korrigiert werden muss
Bestellen mit schlechter Verbindung
Außendienst und Werkstatt arbeiten nicht immer mit stabilem Netz. Mobile Ansichten sollten deshalb sparsam laden, angefangene Warenkörbe lokal oder serverseitig sichern und einen unterbrochenen Upload fortsetzen können. Eine als „gesendet“ markierte Bestellung darf nie nur auf dem Gerät liegen
Vollständiger Offline Betrieb ist aufwendig und nicht immer nötig. Häufig genügt ein robustes Verhalten bei Abbrüchen: klare Synchronisationsanzeige, Wiederholung ohne Duplikat und eine endgültige Bestellnummer erst nach Annahme durch den Server
Die Startversion in sechs Entscheidungen
- Welches System führt Artikel, Preis, Bestand und Auftrag?
- Zu welchem Zeitpunkt werden Preise festgeschrieben?
- Welche Bestandsaussage darf verbindlich erscheinen?
- Wer darf für einen Händler bestellen, freigeben und Nutzer verwalten?
- Wie werden Änderungen an Produktdaten angekündigt?
- Was sieht ein Händler, wenn ERP oder Logistik vorübergehend ausfallen?
Diese Entscheidungen ergeben die erste Architektur. Suchfilter, Favoriten und Dashboards kommen danach. Sie sind nützlich, korrigieren aber keine unklaren Preisregeln
Händlerportal oder Partnerportal
Wenn Bestellung, Sortiment und Verfügbarkeit im Mittelpunkt stehen, ist ein Händlerportal das passendere Fachmodell. Gemeinsame Leads, Zertifizierungen und Kampagnen gehören eher in ein Partnerportal. Beides kann auf einer B2B Plattform laufen, sollte aber nicht in denselben Rollen und Statusbegriffen vermischt werden
Ein professionelles Händlerportal beweist seine Qualität nicht am ruhigen Dienstagvormittag. Es beweist sie bei einer Preisumstellung, einer knappen Verfügbarkeit und einer unterbrochenen Verbindung, wenn jede Anzeige eine geschäftliche Zusage sein kann
